Wer kennt sie nicht, die Worte mit denen die unglaublichen Abenteuer des Raumschiffes Orion eingeleitet wurden!?
Was gestern noch wie ein Märchen klang...
Was gestern noch wie Science Fiction klang...
Oder wie wäre es mit, „Was gestern noch als Verschwörungstheorie galt, ist heute schon Wirklichkeit?!“
Auch anderes entzog sich noch vor wenigen Jahren unser aller Vorstellungskraft, doch heute sind wir Zeitzeugen und können klar sehen, was man mit der Masse der Menschen anfangen kann, wenn man nur zu allem entschlossen ist.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie Mitschülerinnen und Mitschüler reagierten, als wir in der Schule der Sechziger Jahre den Gefreiten aus Braunau am Inn und die Folgen seines Handelns durchnahmen.
„Ich wäre mit Herrn Hitler über eine Brücke gegangen und hätte ihn ins Wasser gestoßen!“ war eindeutig noch die harmloseste Phantasie meines Mitschülers Bernd, aber bezüglich der frühzeitigen Beseitigung des Österreichers, der deutscher Reichskanzler geworden war, war man sich einig gewesen.
Für mich war das befremdlich, denn ich wusste, schon früh, dass es den sogenannten Zweiten Weltkrieg gegeben hatte und dass alle meine damals lebenden Verwandten in irgendeiner Weise beteiligt gewesen waren, dass sie sich nicht entziehen konnten. Heute schließe ich mich der Definition Helmut Schmidts an, der von einem Weltkriegsereignis redete, das von 1914 bis 1945 ging.
Ich habe lange darüber nachgedacht, warum ich die Zeit des sogenannten Dritten Reiches mit anderen Augen betrachten kann und konnte, als meine Mitschülerinnen und Mitschüler, bin aber erst im Zusammenhang mit den Ereignissen 2021 zu einer tragfähigen Erkenntnis gekommen.
Die Eltern meiner Mitschülerinnen und Mitschüler waren etwa eine Generation jünger als meine. Meine Vorfahren waren direkt dabei gewesen, hatten nicht die Ausrede zu jung gewesen zu sein und waren alt genug, sich mit den Folgen ihres Handelns oder Nichthandelns auseinander zu setzen, ja auseinandersetzen zu müssen.
Mein Vater war im Alter von siebenundzwanzig Jahren als Soldat in den Krieg gezogen. Er hatte meine Mutter 1938 geheiratet, um im Ernstfall ihre Versorgung sicher zu stellen.
Meine Mutter war zu Beginn des Krieges dreiundzwanzig Jahre alt und hat Fallschirme genäht, war alt genug, selbst zu entscheiden, ob sie in einen der Luftschutzkeller ging, oder einfach im Bett liegen blieb.
Die Eltern meiner Mitschülerinnen und Mitschüler waren im Krieg Kinder gewesen, waren von ihren Müttern in die Luftschutzbunker befördert worden und hatte keinen eigenen Einfluss auf das Geschehen gehabt.
Sie hatten die Wahrnehmung von Kindern und konnten dadurch hinterher nicht die Entscheidungen ihrer Eltern nachvollziehen, sie konnten nicht beurteilen, warum man mitgemacht hatte und keinen Widerstand leistete.
Ein weiteres interessantes Indiz fand ich ebenfalls in meiner Familiengeschichte.
Während ich die Geschichte meiner Eltern, aufgrund ständigen Redens und eines etwas überdurchschnittlichen Gedächtnisses, einigermaßen kannte und rekonstruieren konnte, blieben meine Großeltern relativ blass vor meinem geistigen Auge, denn für ausführlichere Informationen fehlte mir der direkte Kontakt, das direkte Gespräch.
In diesem Falle waren meine Eltern die Mittler, denn alles, was ich über die Großeltern weiß, stammt von ihnen.
So war es auch bei meinen Mitschülerinnen und Mitschülern, die sich einig waren, gehandelt zu haben, angesichts dessen, was wir heute in den Geschichtsbüchern lesen können.
Interessanter Weise gehörten sie dann ebenfalls, wie ich, zu den Menschen, die in Folge des Jahres 1968 den Staat, die Schule und die Eltern in Frage stellten.
Nur besteht ein Unterschied, ob ich Eltern hinterfrage, die zur genannten Zeit alt genug waren, um ihrem interessierten Sohn Auskunft zu geben, oder ob es sich um Eltern handelt, die Kinder waren und gar keine Möglichkeit hatten, das Geschehen in angemessener Weise zu erfassen.
Möglicherweise ist das auch eine Erklärung, warum ich, im Gegensatz zu meinen Altersgenossen, ein Achtundsechziger geblieben bin. Ich hatte einen direkteren Zugang zur Generation der Opfer und Täter, die sich aufgrund einer irgendwie gearteten Beteiligung nicht herausreden konnten.
Letztlich blieb ich in dieser kritischen Haltung und gehöre daher, was die Nachfolge der Tätergeneration angeht, zu den Jüngeren.
Ich kannte sie, die Nazis, die es nach dem Krieg noch gab, die unsere Lehrer, unsere Vorgesetzten, der Pfarrer und unsere Verwandten waren.
Meine Sicht auf Staat, staatliches Gewaltmonopol, Macht und Ohnmacht hat sich seit den Siebzigern nur unwesentlich gewandelt.
Die Erfahrungen, die man mit Staat machte, wenn man für Frieden oder gegen Atomkraft auf die Straße ging, kann man Zeitgenossen, die es nicht selbst erlebt haben, nur schwerlich vermitteln.
Menschen sind grundsätzlich bereit, jede Form von Gewalt an zu wenden, wenn sie nur von irgend einer Obrigkeit angeordnet oder legitimiert ist.
Meine langjährige Tätigkeit in der Betreuung von Menschen, die über einen dauerhaften Pflege- und Betreuungsbedarf verfügten, zeigte nachhaltig, wie Staat und Politik mit Unterstützungsbedarf umgingen und wie die Errungenschaften, die wir erarbeitet hatten, durch Bundespolitiker kassiert wurden und wie es der Bevölkerung verkauft, ja schöngeredet wurde.
Angesichts solcher Erfahrungen Vertrauen gegenüber einem staatlichen Machtapparat zu entwickeln ist ein nahezu unmögliches Unterfangen. Wenn man dazu noch den Roman 1984 von George Orwell kennt und aufgrund dieser Lektüre geplante und zu erwartende Schritte der Staatsmacht vorhersagen kann, empfindet man eine Ohnmacht gegenüber dem Zeitgeschehen dem man als Zeitzeuge beiwohnt, ob man nun will oder nicht.
Die Gnade der späten Geburt die Helmut Kohl berechtigter Weise immer wieder erwähnte kann uns nachdenklich machen, dass jedoch diese Gnade noch andere Aspekte haben kann, sollte uns allen bewusst werden.
Meine Großeltern sind in den Siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts geboren.
In den letzten 150 Jahren gab es demnach für mich und meine Vorfahren genug Möglichkeiten, sich von Macht und Staat ein Bild zu machen, eigene Erfahrungen zu machen und diese als prägendes Moment weiter zu geben.
Bei genauerer Betrachtung der Geschichte, deren Teil man war, zeigt sich nun, dass es da ein Zeitfenster gab, das sich von den Zeiten davor und danach unterschied, bei dem man sich fragt, warum das so war und was letztlich dieses Zeitfenster wieder in irgendeine Schublade der Geschichte verbannte.
Ingo Insterburg definierte dieses Zeitfenster zutreffend einfach, jedoch kann man es ebenfalls auf andere Lebensbereiche beziehen und kommt unweigerlich wieder zu Ingo Insterburgs Definition, wenn man sich fragt, was diese gute Zeit beendete und warum.
Ingo sagte: „Ich hatte das Glück in dem Zeitfenster aktiv gewesen zu sein, in dem es bereits eine wirksame Verhütung gab und übertragbare Geschlechtskrankheiten der Vergangenheit angehörten, AIDS jedoch noch nicht in den Focus Öffentlichkeit getreten war.“
Dieses Zeitfenster, es handelt sich um die Zeit von 1968 bis 1990, hatte noch viele andere Aspekte, die uns letztlich damals zu der Überzeugung brachten, es könne, ja müsse, nur besser werden, die uns zu der Überzeugung brachten, die Welt würde immer besser werden.
Unsere Zuversicht reichte bis zu dem Moment, als wir realisierten dass die Gesundheitsstrukturreform des Gesundheitsministers Seehofer, auch Seehoferreform genannt, keinen anderen Sinn hatte, als die selbstverständlichen Leistungen der Krankenversicherungen in Frage zu stellen und auf das Nötigste herunter zu fahren. In verantwortlicher Position in einem Heim der Eingliederungshilfe war das schnell zu bemerken, denn die dortigen Bewohner, die vorher einen guten Status in der Gesundheitsversorgung hatten, wurden über Nacht zu Versicherten zweiter Klasse und von dem Verhandlungsgeschick und von der Phantasie der heimeigenen Betreuungskräfte abhängig, die alles taten, um die Gesundheitsversorgung trotzdem sicher zu stellen.
Qualitätssicherung wurde eingeführt und ich war der irrigen Meinung es ginge um die Betreuungsqualität; tatsächlich ging es aber darum, trotz weniger Geld und trotz weniger Personal eine definierte Form von Qualität aufrecht zu erhalten und, was noch wichtiger war, den Erhalt der Qualität nach Außen glaubhaft zu vermitteln.
Die Mauer war gefallen und die Bevölkerung Deutschlands, das wieder so genannt werden konnte, war um weniger, als die Bewohner des Bundeslandes NRW gewachsen.
Dreißig Jahre lang war für jeden Bürger der Bundesrepublik klar gewesen, dass eine Unterstützung unserer Schwestern und Brüder in der DDR oberste Priorität haben würde, so es denn irgendwann mal möglich werden sollte.
Mit einem tatsächlichen Mauerfall hatte Niemand gerechnet, angesichts der Erfahrungen, die man machte, wenn man mal nach Westberlin fuhr und dabei eine der Transitstrecken nutzte. Dieses Gefühl, das uns durch die Bürger der DDR vermittelt wurde, ist derart irreal gewesen, dass man es heute kaum noch treffend benennen kann, ohne die nun willkommenen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu sehr zu instrumentalisieren.
Sechzehn Millionen DDR-Bürger fanden sofortige Aufnahme im System der Sozialen Sicherung, ohne in die Rentenkassen eingezahlt zu haben, ohne je eine Ostmark in die Arbeitslosenversicherung überwiesen zu haben und ohne an die Bundesdeutschen Krankenkassen Versicherungsbeiträge entrichtet zu haben.
Die politische Bande um Herrn Seehofer nutzte, ohne Not, die Gelegenheit, einen Kahlschlag im Gesundheitsversorgungssystem zu rechtfertigen, ohne offiziell die Neubürger verantwortlich zu machen, denn das waren sie auch nicht.
Ein Bevölkerungszuwachs von sechzehn Millionen Menschen, die keine Sprachkurse brauchten, bei denen es nicht um die Vermittlung von allgemeinen Menschenrechten ging und die eins zu eins in ihren Berufen weiter arbeiten konnten als Ursache zu betrachten, ist im höchsten Maße unanständig, um zurückhaltend in der Wahl der Worte zu bleiben.
Ja man ging sogar so weit, durch ständige Wiederholungen hinter vorgehaltener Hand und dem Hinweis, diese Solidarität nicht in Frage stellen zu wollen und zu können, dafür Sorge zu tragen, dass jeder, die Wiedervereinigung als Ursache sah, sich aber davor hütete, das auszusprechen. So installiert man Tabus und, was noch schlimmer ist, so schafft man ein Tabu, an das alle glauben, dem aber jede Grundlage fehlt.
Die Rentenversicherung, aus der ohnehin immer wieder zweckfremd Mittel entnommen worden waren, übrigens seit 1957, wurde ebenfalls geschliffen, immer darauf achtend, dass keinesfalls alle Bürger einzahlen mussten, denn ansonsten hätte man keine Zweiklassengesellschaft in der Altersversorgung beibehalten können.
An diesen wenigen Beispielen der jüngeren Geschichte sieht man bereits, was machthabende Politiker und ihre Berater offenbar von den Menschen halten, deren Interessen sie vertreten müssten.
Es gäbe noch viele Beispiele, die belegen, dass die Interessen der Bevölkerung den Politikern völlig egal zu sein scheinen.
Klar, gab es immer einige Nuancen, die Unterschiede ausmachten.
In der Zeit der Sozialliberalen Bundesregierungen unter Kanzlern wie Willi Brandt und Helmut Schmidt, gab es viele Entscheidungen für die Bürger, die aber von Leuten wie Helmut Kohl und Angela Merkel später wieder kassiert wurden.
Natürlich hat man sich dabei Zeit gelassen, denn die Bürger sollten es ja nicht merken.
Als ich BAföG bekam, war ich froh dass dieses durch die sozialliberale Regierung ermöglicht wurde. Herr Kohl dagegen war ein Freund der Studiengebühren.
Die ganze Personenstandsgesetzgebung der Siebziger haben wir SPD und FDP zu verdanken, die CDU hätte bis heute nichts geändert.
Wenn wir von der Betrachtung meines Lebens, zu denen meiner Eltern blicken, wird es noch offensichtlicher, mein Vater, der ansonsten kein Freund der Ironie war, sagte dazu immer wieder:
„Der Dank des Vaterlands ist dir gewiss!“
Ja, da hatte er Recht. Als er eine Woche vor Weihnachten 1949, auf 45 kg abgemagert aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück kehrte, machte er die Erfahrung, dass die Täter der Zeit von 1933 bis 1945 mittlerweile zu Widerstandskämpfern mutiert waren.
Der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Köln war zum Bundeskanzler der jungen Republik geworden, einer der wenigen, die keine Nazivergangenheit hatten und die Amerikaner, Franzosen und Engländer waren mittlerweile Freunde des einen Teils Deutschlands und die Russen des anderen.
Er kam in ein Land zurück, in dem fast alle Täter und Opfer gewesen waren und eine Art Schweigegelübde herrschte, bezüglich der Zeit, die Herr Hitler tätig gewesen war und quasi im Alleingang die Welt in Schutt und Asche gelegt hatte. Da soll noch mal jemand sagen, ein Einzelner könne nichts bewirken.
Zeit über die Umstände und deren Wandel nach zu denken hatten sie nicht, denn schon 14 Tage nach seiner Rückkehr trat mein Vater eine Arbeitsstelle an, die er bis zum Bezug seiner Rente nicht mehr aufgab, über 27 Jahre.
Der Wiederaufbau erforderte den Einsatz aller und das Gefühl einer trügerischen Sicherheit unter ständiger atomarer Bedrohung generierte Verdrängungsprozesse die unter dem Regime des Herrn aus Braunau am Inn erfolgreich kultiviert worden waren.
Es war die Zeit, in der es weder gesellschaftskritische Filme noch Fernsehsendungen gab, in der unsere Eltern dankbar waren für alles, was sie in ihrem Verdrängungsprozess unterstützte.
Herr Kuhlenkampf machte seine Sendung und es war bekannt, dass er als Soldat und später in der Gefangenschaft Fürchterliches erlebt hatte. Hans Rosenthal stellte als Jude alles andere in den Schatten. Irgendwie war absolut klar, dass die einzelnen Protagonisten irgendwo gewesen sein mussten, aber es wurde nicht darüber geredet, weil man ja auch nicht gefragt werden wollte, was man gemacht oder unterlassen hatte.
Kein Mensch konnte in der besagten Zeit zu hause bleiben und abwarten, bis der Spuk vorbei war.
Um so erstaunlicher ist doch da die Haltung vieler unserer Zeitgenossen, die sich sicher sind, ihre Vorfahren wären nicht beteiligt gewesen, sondern hätten, wenn schon nicht aktiven, dann doch zumindest passiven Widerstand geleistet.
Wie kann man sich das denn vorstellen?
Mein Vater hatte schon früh von Sabotage geredet. Die Schuhe, die sie an der Front bekamen waren mehr für einen Einsatz im Mittelmeerraum als im russischen Winter geeignet. Vielleicht musste sich Herr Kuhlenkampf ja ausgerechnet wegen dieser Sabotage, die als passiver Widerstand getarnt war, die Zehen amputieren.
Wem hatte dann der passive Widerstand genützt?
Zumindest nicht denen, die an der Front ihren Arsch riskierten und von denen nicht jeder wieder kam und die, die wieder kamen, waren andere Menschen, als die, die in den Krieg entsandt worden waren.
Angesichts dieser Überlegungen kann man schon fast die genannte Sprachlosigkeit nach vollziehen.
Udo Müller-Christian