Redaktionskonferenz im Harz (erster Versuch)

Es gibt schon einige Angelegenheiten, deren Sinn man auch nach langer Überlegung nicht versteht. So war es zum Beispiel mit dieser Redaktionskonferenz unserer Zeitung, die unbedingt im Harz stattfinden mußte; keiner weiß warum.
Eigentlich wollten Andreas, Ute und ich lieber an die Ostsee, Andreas bekam feuchte Augen, als er sich an den Weißenhäuser-Strand erinnerte.
Aber unsere anderen drei waren da ganz anderer Meinung. Da eine demokratische Abstimmung zur Pattsituation führte, entschied dann das Los; wir fuhren in den Harz.
Nach gut einer Stunde Fahrt fanden wir einen Rastplatz, auf der Autobahn, auf dem wir unserem mitgebrachten Proviant ein Ende bereiteten. Herr Z. (der Poet in unsrer Gruppe) ging in sich, um situationsbedingte Formulierungen zu entwerfen.
Auf der Fahrt behauptete Andreas es sei heiß, zumindest öffnete er die Schiebetür, um Luft hereinzulassen. Vorher hatte er schon gut drei Stunden an Verstopfung gelitten und drohte einen Ileus (Darmverschluß) zu bekommen. Ob es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Hitze und Andreas vorübergehender schwerer Erkrankung gab, konnten wir allerdings auch später nicht ergründen.
Dieser Harz jedenfalls unterschied sich dann doch erheblich von unserem wohlbekannten Sauerland. Die zu befahrenden Straßen waren steiler und die meisten Häuser waren aus Holz gebaut worden. Bei einem Haus, das renoviert wurde, konnte man eindeutig erkennen, daß es unter dem Holz, horizontal vernagelte Bretter, eine Fachwerkkonstruktion aufwies.
Dieses Restaurant Jägerhof, das Ute gebucht hatte, erwies sich als - na ja. Als sich dann aber unsere Ute als die schriftliche Bestellerin von vier Zimmern zu erkennen gab, wurden wir kurzfristig auf einige Minuten Wartezeit eingestimmt.
"Es ist alles noch möglich!"
Minutenlang wurden Zimmer verteilt, bis Ute dann mit der Managerin alles klargemacht hatte und wir in ein Hotel einzogen, wovon ich jahrelang geglaubt hatte, so etwas gäbe es nur im südlichen Ausland, jenseits des Mittelmeers.
Kommen wir nun zu einigen typischen Dialogen.
"Wo sind wir hier Alfons?"
"Weiß ich nicht!"
"Harz ist eine klebrige Masse, die aus Bäumen kommt."
Weil Ute immer mit der Anrede, Ihr Lieben, aufwartete, nannten wir sie bald Lilo.
H. Eugen G.: "Ist denn da kein Fernseher auf dem Zimmer?"
"Die Zauberflöte ist von Mozart, nicht von Beate Uhse."
Das ganze Haus, es war laut Betreiber gut zweihundert Jahre alt, war aus Holz gebaut und hatte ein Gefälle von mindestens zwei Prozent nach hinten, was sich im ersten Stock auf alle Räumlichkeiten auswirkte. Es ist nicht einfach einen Neger abzuseilen, wenn man auf dem Bongo verzweifelt um sein Gleichgewicht ringt.
Andreas vorübergehende Erkrankung hatte sich gegen 15.00 h auf wundersame Weise behoben.
Andreas war eine Steißlage bei seiner Geburt. Mittlerweile kann er sagen, er habe einen Zustand des inneren Friedens erreicht, bei dem er sich sehr gut fühlen kann.
Alfons: "Wenn man auch die Ent-da-wicklungsjahre hat, braucht man nicht son Dreck zu da-reden!"
"Alfons hat wie eine Schildkröte auf der Rutschbahn gelegen und hatte noch Glück dabei, weil wir nicht zur Ostsee gefahren sind, wenn er nämlich da so am Strand gelegen hätte, wären die Leute von Greenpeace gekommen und hätten versucht ihn ins Wasser zurückzuschaffen."
Wir hatten nämlich das Vergnügen mit einem Sessellift in St. Andreasberg auf den Andreasberg zu fahren, wonach Ute und Alfons mit einer Rutschbahn zurückgefahren sind; Ihr wißt schon, so eine Rutschbahn, bei der man auf einem speziellen Unterteil sitzt und mittels eines Hebels bremsen und beschleunigen kann. Andreas bekam nicht genug vom Rutschen und ist noch ein weiteres Mal mit dem Sessellift den Berg hinaufgefahren.
In Griechenland ist das Leben noch schwerer als bei uns; am Dienstag und am Freitag hat man da Fastentage und, was noch erschwerend hinzukommt, man muß da auch auf Milchprodukte verzichten. Das erfuhren wir am Abend des ersten Tages, als wir in Clausthal-Zellerfeld griechisch aßen und Alfons auf die katholischen Fastenregeln für Freitage hinwies.
Von Andreas bekamen wir morgens, mittags und abends unsere Medizin, am ersten Tag war ich noch selber für meine Medikamente verantwortlich, aber schon am zweiten Tag entschieden wir uns, nach dem Motto gleiches Recht für alle, dafür, daß auch ich meine Medizin bei Andreas abgab und von ihm bekam.
Wenn ich Zuhause bin, muß ich wohl enthospitalisiert werden.
Ich mußte mindestens eine halbe Stunde unter der Dusche warten, bis ich bemerkte, daß man auch duschen konnte, obwohl die bereitgestellten Stühle, von denen ich dachte, sie wären für eventuelle Zuschauer gedacht, nicht besetzt waren. Hinterher konnte ich dann von Andreas erfahren, daß die Stühle den einzigen Sinn hatten, für den Fall, daß das Hotel überbelegt war, den Leuten, die auf die Beendigung des Duschens durch ihren Vorduscher oder ihre Vorduscherin warteten, bequem sitzen zu lassen. Das leuchtete mir ein.
Die bei weitem faszinierendsten Eindrücke, die sich dem ehemaligen H0-Eisenbahnbetreiber boten, waren die im Harz betriebenen Schmalspurbahnen, die mittels ihrer Dampfloks Zug um Zug die Touristen auf den Brocken oder Bocksberg transportierten. Als Hemmnis erwies sich der Fahrpreis von 40,- DM zum Brocken und zurck, was fr uns dann doch unerschwinglich war.
Nachdem nun der Versuch, den Brocken mit der dafür vorgesehenen Bahn zu erklimmen gescheitert war und man uns auch keine Besen verkaufen wollte, waren wir dann doch dazu gezwungen, unseren geschundenen VW-Bus noch weiter in Anspruch zu nehmen.
Man glaubt gar nicht, wie viele Menschen man erfreuen kann, wenn man mit einer photografiertechnischen Besonderheit von zwei gleichen Apparaten auf einer Schiene herumläuft. Die Leute sind alle sehr interessiert und Fragen wozu das Ganze diene. Weil es mir nach einigen Versuchen zu Mühselig war, jedem zu erklären, wie man 3D-Dias herstellt und sie sich später ansieht, verfiel ich schnell der einfacheren Version: Im letzten Urlaub sind einige Bilder nichts geworden, das passiert mir nicht noch einmal, jetzt gehe ich auf Nummer sicher!
Als wir in Wernigerode auf einer Bank saßen und feststellten, in was für einder pädagogisch durchdachten Weise sie uns in ein bestimmtes Restaurant dirigieren wollte, fragten wir uns, was wir eigentlich die ganzen letzten Jahre ohne Ute gemacht haben.
Beim Bestellen der Nahrungsmittel in Restaurants suchte sie akribisch für unsere Redaktionskollegen das Essen aus und bezahlte es sogar hinterher. Nur Andreas und ich mußten uns selbst bemühen und hinterher sogar selber zum Portomonaie greifen.
Der Rathausplatz in Wernigerode ist mehrere Rehamaßnahmen wert. Zu unserer großen Freude hat man den Harz wohl im Zweiten Weltkrieg und auch danach übersehen. Wenn man bedenkt, was man in den Siebziger Jahren alles in unseren Regionen aufgrund geringer Wertschätzung unwiederbringlich zerstört hat, muß man wohl zumindest in dieser Beziehung den FTB* dankbar sein. Sie haben auf die Wende gewartet und vorher alles so gelassen, wie es war.
Wenn ich mich am gestrigen Morgen über Roßhaarmatratzen ausgelassen habe, muß der geneigte Leser nun wissen, daß das nur die Spitze des Eisberges war. Meine Eltern hatten vor gut dreißig Jahren ebenfalls dreigeteilte Matratzen und es gab damals schon eine erbitterte Diskussion bezüglich der Verwendung von Keilkissen, und eben ein solches Keilkissen habe ich, weil ich mir einfach sicher war, daß man so etwas hier benutzt, in meinem Bett, unter der Matratze des Kopfendes gefunden. Nachdem ich diese Heimtücke der Hexen entfernt hatte schlief ich doch wesentlich besser. Keilkissen sind sicher in einem nicht unerheblichen Maße dafür verantwortlich, aus sonst ganz brauchbaren Betten Hängematten zu erzeugen.
Bezüglich der Duscherei sollte man sich nicht von Andreas beraten lassen. Auch wenn man eine halbe Stunde vor der Dusche wartet, um anderen den Vortritt zu gewähren, muß man doch hinterher alleine diesen Raum benutzen.
Vielleicht hätten wir der Wirtin sagen sollen, sie solle den Frühstückstisch nicht so vollstellen, weil Alfons erst ein Erfolgserlebnis hat, wenn alles gegessen und Herr P. G. Z. wenn alles getrunken ist.
Es ist mir im Vorbeigehen gelungen einen Blick in die Zimmer 1 und 2 auf unserem Flur zu werfen. Ich sah Doppelbetten, die quer zum Gefälle des Hauses aufgestellt waren, wo es unweigerlich passieren mußte, daß man sich nachts wegen der Gefahr des herausfallens aneinanderklammerte.
Am Morgen des 11.07.1996 hatte es gegen 6.00 h noch so vielversprechend mit dem Wetter ausgesehen, daß die Überraschung dann um so größer war, als es nach dem Frühstück in Störmen regnete. Herrn Eugen G. und Alfons veranlaßte diese Tatsache allerdings nicht im Geringsten auch nur einen Schritt schneller zu gehen.
Andreas gelang es auf höchst wundersame Weise an eine Bildzeitung zu kommen, ohne allerdings darin die ersehnte Information zu bekommen, wer einen Boxkampf, ein Rugbymatch oder eine Wildwasserfahrt im Regen gewonnen hatte.
Ja, da war noch der Besuch des Bergwerksstollens, dessen Zweck darin bestand, das anfallende Grundwasser abzuleiten.
Da war doch noch was!
Hatten wir nicht im ersten Satz eine Redaktionskonferenz erwähnt?
Worte und Wörter können Alfons schon gewaltig beeinträchtigen. Es gibt zum Beispiel Begriffe, die sind schlecht. Schmutzige Worte oder Redensarten, so sagt Alfons. Glücklicherweise gibt es aber auch Alternativbegriffe, deren Bedeutung sich mit der der genannten Redensarten deckt, die aber völlig unbedenklich zu sein scheinen. Nehmen wir einmal...
Oder...
Aber lassen wir das!
.Es ist nicht einfach, mit Menschen zu verreisen, die man im normalen Leben nicht als die Menschen ansehen würde, die einen auf dem Weg - dem Weg - begleiten.
Auf der Rückfahrt fiel Andreas der Zweck dieser Fahrt ein, die Redaktionskonferenz.


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